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Alltag

Gedächtnis und Alter: das Gewöhnliche vom Übrigen unterscheiden

Die Redaktion von Martagon9 Min. Lesezeit

Aufgeschlagenes Notizbuch, Stift und Brille auf einem hellen Holztisch neben einer Tasse

Das ist das Thema, das am meisten beunruhigt — und jenes, bei dem die Beunruhigung den grössten Schaden anrichtet. Einen Namen zu vergessen hat noch nie etwas angekündigt. Bestimmte Signale verdienen hingegen Ernst — und mehrere Risikofaktoren sind tatsächlich beeinflussbar.

Was normal langsamer wird

Mit dem Alter verändern sich bestimmte kognitive Funktionen vorhersehbar. Die Verarbeitungsgeschwindigkeit nimmt ab: es braucht etwas länger, um ein Wort zu finden, eine Anweisung zu behalten, von einer Aufgabe zur nächsten zu wechseln. Das Arbeitsgedächtnis — jenes, das eine Information hält, solange man sie braucht — wird kleiner. Einen Eigennamen abzurufen kostet mehr Mühe.

Andere Funktionen bewegen sich nicht oder verbessern sich sogar: Wortschatz, Allgemeinwissen, das Gedächtnis für Fertigkeiten, die Fähigkeit, eine Lage in einer langen Erfahrung einzuordnen. Ein altes Gehirn ist kein beschädigtes junges Gehirn: es ist ein anders organisiertes Gehirn.

Die Signale, die eine Abklärung rechtfertigen

Zwei Spalten, die sich ähneln und nicht dasselbe bedeuten
SituationGewöhnliches FunktionierenGrund für eine Abklärung
Die WörterEinen Namen suchen und später findenWörter vertauschen, den Faden des eigenen Satzes verlieren
Die TermineEinen Termin vergessen und sich beim Nachlesen erinnernTermine trotz Agenda wiederholt vergessen
Die GesprächeEine vergessene Information nochmals erfragenDieselbe Frage mehrmals in derselben Stunde stellen
Die WegeBei einer neuen Route zögernSich auf einem vertrauten Weg verirren
Die HandgriffeBei einer komplexen Aufgabe langsamer seinEine früher automatische Aufgabe nicht mehr schaffen
Der Blick der anderenNiemand macht sich SorgenDas Umfeld bemerkt eine Veränderung, welche die Person herunterspielt

Die letzte Zeile ist die aufschlussreichste. Eine klinische Leitlinie der Neurologie hält fest, dass die Beobachtung des Umfelds ein eigenes klinisches Element ist: wer sich um sein Gedächtnis sorgt, ohne dass jemand anderem etwas aufgefallen wäre, hat meist eine harmlose Lage, während der umgekehrte Fall eine Abklärung verdient.

Die Faktoren, auf die man einwirken kann

Eine internationale Kommission unter dem Dach einer grossen medizinischen Zeitschrift aktualisiert regelmässig den Wissensstand zur Demenzprävention. Ihr Bericht von 2024 hält vierzehn beeinflussbare Risikofaktoren fest und schätzt, dass ein Einwirken auf alle theoretisch einen bedeutenden Anteil der Fälle verhindern oder verzögern könnte.

Diese Zahl will vorsichtig gelesen sein: es handelt sich um eine Schätzung auf Bevölkerungsebene, berechnet aus Zusammenhängen. Sie bedeutet nicht, dass eine einzelne Person ihr eigenes Risiko im selben Ausmass senken würde. Sie bedeutet, dass diese Faktoren zählen und nicht belanglos sind.

  • Das Gehör. Unkorrigierter Hörverlust gehört zu den am regelmässigsten genannten Faktoren. Das Gehör prüfen zu lassen und bei Indikation ein Gerät zu tragen, ist eine konkrete Massnahme.
  • Die Sehkraft. Unkorrigierter Sehverlust wurde in der Aktualisierung von 2024 hinzugefügt.
  • Die Gefässgesundheit. Blutdruck, Diabetes, Cholesterin und Rauchen finden sich in der Liste — was das Herz schützt, schützt auch das Gehirn.
  • Körperliche Aktivität und der Erhalt sozialer Bindungen, beide seit den ersten Fassungen des Berichts enthalten.
  • Soziale Isolation und Depression, die durch sich selbst ebenso wiegen wie durch ihre Folgen.

Was nicht funktioniert

Zwei verbreitete Vorstellungen gehören beiseitegelegt. Die erste betrifft Gehirnjogging-Spiele: sie verbessern vor allem die Leistung im Spiel selbst, mit begrenzter Übertragung auf den Alltag. Lesen, lernen, sich unterhalten und sich bewegen bleiben nützlicher.

Die zweite betrifft Nahrungsergänzungsmittel, die als Gedächtnisschutz angepriesen werden. Kein rezeptfrei erhältliches Produkt darf beanspruchen, eine Gedächtniserkrankung zu verhüten, zu behandeln oder zu verlangsamen, und die amerikanische klinische Leitlinie hält fest, dass im Stadium der leichten kognitiven Störung kein Wirkstoff Wirksamkeit gezeigt hat. Was dieselbe Leitlinie hingegen festhält, ist regelmässige körperliche Bewegung.

Häufige Fragen

Ist Namensvergessen ein Zeichen von Demenz?

An sich nicht. Einen Namen zu suchen und später zu finden gehört in jedem Alter zum gewöhnlichen Funktionieren. Abklärung verdient, was den Alltag durcheinanderbringt oder was dem Umfeld vor der betroffenen Person auffällt.

Welche Risikofaktoren lassen sich beeinflussen?

Der Bericht 2024 einer internationalen Kommission hält vierzehn beeinflussbare Faktoren fest, darunter unkorrigierter Hör- und Sehverlust, Bluthochdruck, Diabetes, Rauchen, Bewegungsmangel, soziale Isolation und Depression.

Sind Gedächtnisspiele wirksam?

Sie verbessern vor allem die Leistung im geübten Spiel, mit begrenzter Übertragung auf den Alltag. Ansätze, die Ernährung, Bewegung, Anregung und Gefässüberwachung kombinieren, zeigten bessere Ergebnisse.

Wann sollte man wegen des Gedächtnisses abklären lassen?

Wenn sich das Vergessen am selben Tag wiederholt, wenn es vertraute Wege oder Handgriffe betrifft, wenn es den Alltag behindert, oder wenn das Umfeld sich stärker sorgt als die betroffene Person. Mehrere Ursachen von Gedächtnisbeschwerden sind rückbildungsfähig — ein Grund mehr, abzuklären statt zu warten.

Quellen

  1. Livingston G, Huntley J, Liu KY, et al. Dementia prevention, intervention, and care: 2024 report of the Lancet standing Commission. The Lancet. 2024;404(10452):572–628. doi:10.1016/S0140-6736(24)01296-0
  2. Ngandu T, Lehtisalo J, Solomon A, et al. A 2 year multidomain intervention of diet, exercise, cognitive training, and vascular risk monitoring versus control to prevent cognitive decline in at-risk elderly people (FINGER): a randomised controlled trial. The Lancet. 2015;385(9984):2255–2263. doi:10.1016/S0140-6736(15)60461-5
  3. Petersen RC, Lopez O, Armstrong MJ, et al. Practice guideline update summary: Mild cognitive impairment. Neurology. 2018;90(3):126–135. doi:10.1212/WNL.0000000000004826
  4. Ohayon MM, Carskadon MA, Guilleminault C, Vitiello MV. Meta-analysis of quantitative sleep parameters from childhood to old age in healthy individuals. Sleep. 2004;27(7):1255–1273. doi:10.1093/sleep/27.7.1255
  5. Alzheimer Suisse. Telephone Alzheimer et associations cantonales. www.alzheimer-schweiz.ch

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