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Martagon
Der Ratgeber

Gut altern: der Ratgeber zur Gesundheit ab 60

Die Redaktion von Martagon12 Min. Lesezeit

Heller Holztisch mit aufgeschlagenem Notizbuch, Brille und einem Strauss getrockneter Bergblumen

Älterwerden ist keine Krankheit. Es ist ein langsamer, von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlicher Prozess, bei dem ein Teil der Hebel lange erreichbar bleibt. Dieser Ratgeber fasst zusammen, was die Forschung mit vernünftiger Sicherheit belegt, was sie andeutet, ohne zu entscheiden, und was sie in den letzten zehn Jahren deutlich widerlegt hat.

Er ist für zwei Publikumsgruppen zugleich geschrieben: für die Betroffenen selbst und für ihre Angehörigen — die den grössten Teil der Recherche übernehmen und sich die Fragen oft zuerst stellen.

Was sich ab 60 wirklich verändert

Der Körper verändert sich fortlaufend, doch drei Entwicklungen betreffen fast alle und wiegen im Alltag schwer.

Die Muskelmasse nimmt ab. Das Phänomen hat einen Namen — Sarkopenie — und seit 2019 eine überarbeitete europäische Definition mit einem einfachen Leitkriterium: es zählt die Kraft stärker als das Muskelvolumen. Der Rückgang beginnt früh, etwa ab vierzig, und beschleunigt sich danach, wenn ihm nichts entgegengesetzt wird.

Der Nährstoffbedarf verschiebt sich. Man verbraucht weniger Energie, also isst man weniger; der Proteinbedarf steigt jedoch eher an. Der Appetit lässt nach, der Geschmack verändert sich, und manche Nährstoffe werden schlechter aufgenommen — Vitamin B12 vor allem.

Der Schlaf organisiert sich neu. Eine umfangreiche Auswertung von Labormessungen zeigt, dass Gesamtdauer und Tiefschlafanteil allmählich abnehmen, während nächtliches Aufwachen häufiger wird. Das ist eine gewöhnliche Veränderung — zu unterscheiden von einer verfestigten Schlaflosigkeit.

Die drei Hebel, die überall wiederkehren

Stellt man die verfügbaren systematischen Übersichtsarbeiten nebeneinander, tritt dieselbe Dreiheit hervor: körperliche Aktivität, Proteinzufuhr und Schlafqualität. Nicht weil sie Wunder wirkten, sondern weil nur bei ihnen die Wirkung wiederholt, an Tausenden von Menschen und mit übereinstimmenden Ergebnissen gemessen wurde.

23 %weniger StürzeWirkung von Bewegungsprogrammen bei zu Hause lebenden Menschen, gemäss einer Cochrane-Übersicht.
1,0–1,2Gramm Protein pro Kilo und TagEmpfehlung einer europäischen Expertengruppe für gesunde ältere Menschen.
150Minuten moderate Bewegung pro WocheRichtwert der Weltgesundheitsorganisation für Menschen ab 65.

Diese drei Richtwerte addieren sich nicht mechanisch: sie stützen einander. Genug Protein zu essen, ohne den Muskel zu fordern, baut nichts auf. Zu trainieren und dabei schlecht zu schlafen, zehrt mehr als es stärkt. Es hält das Ganze, nicht das einzelne Stück.

Teil 1 — Was man isst

Ab 60 geht es fast nie um das Zuviel, sondern um den stillen Mangel. Weniger Appetit, einfachere Mahlzeiten, oft allein eingenommen — und eine Proteinzufuhr, die unbemerkt unter die Schwelle rutscht. Drei Kapitel behandeln diesen Teil.

Teil 2 — Wie man sich bewegt

Hier ist die Beweislage mit Abstand am stärksten. Bewegung ist die einzige Massnahme, deren sturzsenkende Wirkung bei zu Hause lebenden Menschen robust belegt ist. Die weltweiten Leitlinien von 2022 zur Sturzprävention machen sie zur Grundlage jeder Betreuung.

Teil 3 — Wie man auf Dauer durchhält

Schlaf, Gedächtnis, Trinken und Verdauung bilden das Grundrauschen des Alltags. Es sind auch die Themen, zu denen die meisten Irrtümer im Umlauf sind — und jene, bei denen eine falsch kalibrierte Sorge mehr Schaden anrichtet als das Problem selbst.

Was seine Versprechen nicht gehalten hat

Ein ehrlicher Ratgeber muss auch sagen, was widerlegt wurde. In den 2010er-Jahren galt Vitamin D als zentraler Hebel des Alterns: festere Knochen, weniger Stürze, bessere Verfassung. Drei grosse Arbeiten haben diese Lesart erheblich beschädigt.

  • Eine umfassende Synthese von 2018 kommt zum Schluss, dass die Supplementierung weder Frakturen noch Stürze verhindert und keine klinisch bedeutsame Wirkung auf die Knochendichte hat.
  • Eine schweizerisch-europäische Studie mit über zweitausend Menschen ab 70 fand keinen Nutzen von Vitamin D auf Blutdruck, Gehfähigkeit, Gedächtnis oder Infektionen.
  • Eine sehr grosse amerikanische Studie von 2022 zeigte keine Abnahme der Frakturen bei Erwachsenen mittleren und höheren Alters, in einer mehrheitlich gut versorgten Bevölkerung.

Das heisst nicht, dass Vitamin D nutzlos wäre: ein belegter Mangel wird korrigiert, und die Schweizer Behörden halten an einer Zufuhrempfehlung ab 60 fest. Es heisst, dass es weder Bewegung noch Teller ersetzt. Das entsprechende Kapitel führt diese Unterscheidung aus.

Womit anfangen

Wer alles gleichzeitig umstellt, hält nichts durch. Die folgende Reihenfolge spiegelt schlicht die Stärke der Belege und die Umsetzbarkeit — keine Rangordnung des Werts.

Vorgeschlagene Reihenfolge nach Stärke der verfügbaren Belege
ReihenfolgeWas man einführtWarum zuerst
1Jeden Tag gehen, etwas mehr als gesternBelegte Wirkung auf Sterblichkeit, Mobilität und Stürze; kostet nichts.
2Protein zu allen drei MahlzeitenDer am besten belegte und am häufigsten übersehene Ernährungshebel.
3Zweimal pro Woche KrafttrainingErst dadurch wird die Zufuhr zu nutzbarem Muskel.
4Den Schlaf genau anschauenSchlechter Schlaf untergräbt die drei vorherigen Zeilen.
5Die Medikamente mit einer Fachperson durchgehenMehrere häufige Wirkstoffe belasten Gleichgewicht und Wachheit.

Wann eine Fachperson beiziehen

Dieser Ratgeber beschreibt Tendenzen in der Bevölkerung. Er kennt weder Ihre Vorgeschichte noch Ihre Medikamente noch Ihre Lage. Einige Umstände verlangen ohne Verzug eine persönliche Beurteilung:

  • ein erster Sturz, auch ohne Verletzung — er sagt den nächsten am besten voraus;
  • ungewollter Gewichtsverlust oder Kleider, die in wenigen Monaten weit geworden sind;
  • Atemnot, Schmerz oder Schwindel bei Anstrengung;
  • Vergesslichkeit, die das Umfeld stärker beunruhigt als die Person selbst;
  • vor dem Beginn einer Supplementierung, besonders bei mehreren laufenden Medikamenten.

In der Schweiz ist die Apotheke die am leichtesten zugängliche Anlaufstelle für eine erste Frage, ohne Termin. Bei einer anhaltenden Situation bleibt die Hausärztin oder der Hausarzt zuständig.

Häufige Fragen

Ab welchem Alter ist dieser Ratgeber nützlich?

Er stützt sich auf Arbeiten mit Menschen ab 60, doch das Meiste gilt schon ab fünfzig — dort sind die Hebel sogar am ergiebigsten, weil dem Muskelverlust dann noch leicht entgegenzuwirken ist.

Braucht es ab 60 Nahrungsergänzungsmittel?

Darauf gibt es keine allgemeingültige Antwort. Eine abwechslungsreiche Ernährung deckt bei normalem Essverhalten das Wesentliche. Einzelne Situationen bilden Ausnahmen, namentlich Vitamin B12 bei nachlassender Aufnahme und Vitamin D bei Menschen, die wenig hinausgehen. Der Entscheid fällt mit einer Fachperson, auf Grundlage einer konkreten Lage und nicht einer Altersgruppe.

Ist es mit 80 zu spät, mit Bewegung anzufangen?

Nein. Eine mittlerweile klassische Studie mit sehr betagten Bewohnerinnen und Bewohnern, deren Durchschnittsalter über 85 Jahren lag, zeigte, dass wenige Wochen begleitetes Krafttraining genügten, um Beinkraft und Gehgeschwindigkeit deutlich zu verbessern. Der Muskel bleibt sehr lange antwortfähig.

Ersetzt diese Website ärztlichen Rat?

Nein, und sie will es nicht. Martagon ist ein Magazin für allgemeine Information. Es stellt keine Diagnose, schlägt keine Behandlung vor und kennt Ihre Krankengeschichte nicht. Für persönliche Entscheide sprechen Sie mit Ihrer Ärztin, Ihrem Arzt oder in Ihrer Apotheke.

Wer schreibt diese Texte?

Die Redaktion von Martagon, ein kleines Redaktionsteam in der Schweiz. Wir zeichnen unsere Beiträge nicht mit einem Ärztenamen, weil wir keine Praxis sind: wir sind Redaktorinnen und Redaktoren, die ihre Quellen nennen und sie ans Seitenende stellen, damit jede und jeder nachprüfen kann.

Quellen

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  2. Bauer J, Biolo G, Cederholm T, et al. Evidence-based recommendations for optimal dietary protein intake in older people: a position paper from the PROT-AGE Study Group. Journal of the American Medical Directors Association. 2013;14(8):542–559. doi:10.1016/j.jamda.2013.05.021
  3. Sherrington C, Fairhall NJ, Wallbank GK, et al. Exercise for preventing falls in older people living in the community. Cochrane Database of Systematic Reviews. 2019;1:CD012424. doi:10.1002/14651858.CD012424.pub2
  4. Montero-Odasso M, van der Velde N, Martin FC, et al. World guidelines for falls prevention and management for older adults: a global initiative. Age and Ageing. 2022;51(9):afac205. doi:10.1093/ageing/afac205
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  11. Office federal de la securite alimentaire et des affaires veterinaires (OSAV) / Commission federale de la nutrition. Recommandations suisses concernant l'apport en vitamine D. www.blv.admin.ch
  12. Organisation mondiale de la Sante. Step safely: strategies for preventing and managing falls across the life-course. Geneve, 2021. www.who.int