Angst vor Stürzen: wie man aus dem Kreis herauskommt
Die Redaktion von Martagon7 Min. Lesezeit

Die Angst vor Stürzen ist keine Randerscheinung: sie ist ein belegter Risikofaktor, der die Fragilität selbst hervorbringt, die er fürchtet. Und bemerkenswert: sie entspricht nicht immer dem tatsächlichen Risiko — was eine Tür öffnet.
Ein eigenständiger Risikofaktor
Eine Übersichtsarbeit hat die verfügbaren Studien zusammengetragen. Sie beschreibt eine hohe und je nach Fragestellung sehr unterschiedliche Häufigkeit — von etwa jeder fünften Person bis zu einer breiten Mehrheit — und vor allem eine Konstante: die Angst vor Stürzen besteht auch bei Menschen, die nie gestürzt sind.
Ihre am besten belegte Folge ist die Einschränkung der Aktivität. Man geht weniger hinaus, meidet die Treppe, verzichtet auf den Spaziergang. Genau der Gebrauch erhält aber die Beinkraft und den Gleichgewichtssinn. Der Kreis schliesst sich: wer sich weniger bewegt, wird unsicherer; wer unsicherer wird, hat mehr Grund zur Angst.
Das Erstaunliche an Angst und tatsächlichem Risiko
Eine in einer grossen medizinischen Zeitschrift veröffentlichte Kohortenstudie verglich bei zu Hause lebenden Menschen das gemessene Sturzrisiko — über Gleichgewichts- und Krafttests — mit dem wahrgenommenen. Beide decken sich nicht.
Ein Teil der Teilnehmenden wies ein tiefes gemessenes Risiko und eine hohe Angst auf; ein anderer das Gegenteil — ein hohes gemessenes Risiko ohne besondere Sorge. Die Autoren verbinden das erste Profil eher mit psychologischen Faktoren, namentlich depressiven Symptomen und geringerem Selbstvertrauen, als mit dem körperlichen Zustand.
Die praktische Folge ist unmittelbar: verbales Beruhigen genügt nicht, aber Messen kann helfen. Festzustellen, dass man auf einem Bein steht oder fünfmal vom Stuhl aufsteht, wirkt besser als die Auskunft, es sei alles in Ordnung.
Was den Kreis löst
- Begleitete Bewegung, insbesondere Gleichgewicht und Kräftigung der Beine: die einzige Massnahme mit solide belegter Wirkung auf Stürze — und sie stärkt zugleich das Vertrauen, weil sie Belege liefert.
- Die Gruppe. Kollektive Programme wirken hier gut: der Vergleich mit anderen justiert die Wahrnehmung besser als jede Rede.
- Der schriftliche Verlauf. Schwarz auf weiss zehn Sekunden mehr als vor einem Monat zu sehen, ist ein Argument, dem die Angst wenig entgegenzusetzen hat.
- Die Umgebung. Licht, Handlauf, fixierte Teppiche: sie senken das tatsächliche Risiko und nehmen damit Gründe zur Sorge weg.
Wann mit einer Fachperson sprechen
Eine Angst, die zum Verzicht auf Aktivitäten führt, die mit anhaltender Traurigkeit oder Rückzug einhergeht oder die auf einen ersten Sturz folgt, gehört angesprochen. Sie kann eine eigene Betreuung erfordern und begründet eine Beurteilung von Kraft und Gleichgewicht — die oft eine konkrete Grundlage zum Weiterkommen liefert.
Häufige Fragen
Ist die Angst vor Stürzen häufig?
Ja. Eine Übersichtsarbeit beschreibt eine hohe und je nach Fragestellung sehr unterschiedliche Häufigkeit und hält fest, dass sie auch Menschen betrifft, die nie gestürzt sind.
Ist diese Angst berechtigt?
Nicht immer. Eine Kohortenstudie zeigte, dass sich wahrgenommenes und gemessenes Risiko schlecht decken: manche mit tiefem gemessenem Risiko haben grosse Angst, oft im Zusammenhang mit psychologischen Faktoren, während andere mit hohem Risiko sich nicht sorgen.
Was hilft dagegen?
Begleitetes Training von Gleichgewicht und Kraft ist am besten belegt: es senkt das tatsächliche Risiko und wirkt, weil es konkrete Fortschritte belegt, auch auf das Vertrauen. Eine Angst, die zum Verzicht führt, gehört ärztlich angesprochen.
Quellen
- Scheffer AC, Schuurmans MJ, van Dijk N, et al. Fear of falling: measurement strategy, prevalence, risk factors and consequences among older persons. Age and Ageing. 2008;37(1):19–24. doi:10.1093/ageing/afm169
- Delbaere K, Close JCT, Brodaty H, et al. Determinants of disparities between perceived and physiological risk of falling among elderly people: cohort study. BMJ. 2010;341:c4165. doi:10.1136/bmj.c4165
- Sherrington C, Fairhall NJ, Wallbank GK, et al. Exercise for preventing falls in older people living in the community. Cochrane Database of Systematic Reviews. 2019;1:CD012424. doi:10.1002/14651858.CD012424.pub2
- Montero-Odasso M, van der Velde N, Martin FC, et al. World guidelines for falls prevention and management for older adults: a global initiative. Age and Ageing. 2022;51(9):afac205. doi:10.1093/ageing/afac205