Protein und Muskelmasse: Sarkopenie verstehen
Die Redaktion von Martagon9 Min. Lesezeit

Der altersbedingte Muskelverlust hat seit den 1980er-Jahren einen Namen und seit 2019 eine klinische Definition. Er ist in seinem Ausmass weder unabwendbar noch durch Ernährung allein umkehrbar. Hier steht, wo die Forschung steht und was sich daraus vernünftig folgern lässt.
Was das Wort Sarkopenie genau umfasst
Der Begriff bezeichnet den fortschreitenden altersbedingten Verlust an Muskelmasse und Muskelfunktion. Eine europäische Arbeitsgruppe hat 2019 eine überarbeitete Definition veröffentlicht, mit einem wichtigen Perspektivenwechsel: Eingangskriterium ist nicht mehr die Muskelmenge, sondern die Kraft. Man kann normal aussehende Oberschenkel haben und dennoch zu wenig Kraft, um ohne Hände von einem Stuhl aufzustehen.
Diese Verschiebung hat praktische Folgen. Sie macht die Beurteilung mit einfachen Mitteln möglich — einem Handkraftmesser, einer Stoppuhr für die Gehgeschwindigkeit — statt mit teurer Bildgebung. Und sie lenkt das Handeln auf das, was die Kraft steigert: Training gegen Widerstand.
Der Ernährungsrichtwert und woher er kommt
Zwei Referenztexte, im Abstand eines Jahres von europäischen Expertengruppen veröffentlicht, stimmen überein: für gesunde ältere Menschen liegt die empfohlene Zufuhr zwischen 1,0 und 1,2 Gramm Protein pro Kilo Körpergewicht und Tag. Bei akuter oder chronischer Krankheit heben dieselben Texte die Spanne auf 1,2 bis 1,5 Gramm an.
Das liegt deutlich über dem oft zitierten allgemeinen Referenzwert von 0,8 Gramm pro Kilo, der für jüngere Erwachsene festgelegt wurde. Der Grund ist ein messbares Phänomen: mit dem Alter reagiert der Muskel schlechter auf eine gegebene Proteinmenge. Es braucht mehr davon, um denselben Aufbau auszulösen.
| Lebensmittel | Übliche Portion | Enthaltenes Protein |
|---|---|---|
| Ei | 2 Eier | rund 13 g |
| Hartkäse | 40 g | rund 11 g |
| Quark | 180 g | rund 20 g |
| Fischfilet | 120 g | rund 24 g |
| Linsen, gekocht | 200 g | rund 18 g |
| Mageres Fleisch | 100 g | rund 22 g |
Die obigen Werte sind Grössenordnungen, um einen Tag zu veranschaulichen, keine Daten aus einer Nährwerttabelle. Sie genügen, um zu sehen: 80 Gramm zu erreichen setzt voraus, dass Protein bei jeder Mahlzeit vorkommt, nicht nur bei der Hauptmahlzeit.
Die Verteilung zählt so viel wie die Summe
Dieselbe Gesamtmenge, anders verteilt, ergibt nicht dasselbe Ergebnis. Der Muskel baut sich stossweise auf, jeweils zu den Mahlzeiten; eine sehr proteinarme Mahlzeit löst gar nichts aus. In der Praxis sind rund zwanzig Gramm zu jeder der drei Mahlzeiten wirksamer, als sechzig Gramm am Abend zu bündeln.
Ohne Bewegung nützt die Zufuhr fast nichts
Das ist der beständigste Befund der Literatur und der am häufigsten vergessene. Eine breite Auswertung von Dutzenden Studien zeigte, dass Proteinsupplementierung die Zuwächse an Masse und Kraft erhöht, die durch Krafttraining erzielt werden — sie verstärkt also eine Wirkung, die zuerst vorhanden sein muss. Dieselbe Auswertung hält fest, dass der Effekt mit dem Alter abnimmt, was für eine ausreichende statt einer maximalen Zufuhr spricht.
Die eindrücklichste Studie dazu stammt aus den frühen 1990er-Jahren und wurde mit sehr betagten Bewohnerinnen und Bewohnern durchgeführt, deren Durchschnittsalter über 85 Jahren lag. Begleitetes Krafttraining verbesserte Beinkraft und Gehgeschwindigkeit deutlich; das Nahrungssupplement allein, ohne Training, brachte nichts Vergleichbares. Dreissig Jahre später ist dieses Ergebnis nicht widerlegt.
Pulver, Drinks und angereicherte Produkte
Proteinprodukte sind weder magisch noch verdächtig: es sind konzentrierte Lebensmittel, praktisch bei fehlendem Appetit oder wenn die Zufuhr ohne grösseres Mahlzeitvolumen steigen soll. Nur in diesem Rahmen sind sie interessant. Wer normal isst und seinen Richtwert mit gängigen Lebensmitteln erreicht, gewinnt nichts dazu.
Zwei Vorbehalte sind es wert, bekannt zu sein. Eine sehr hohe Zufuhr verlangt bei bekannter Nierenerkrankung ärztlichen Rat. Und manche Produkte sind vor allem gesüsst: die Angabe in Gramm Protein pro Portion auf der Rückseite ist aufschlussreicher als die Vorderseite der Packung.
Häufige Fragen
Wie viel Protein pro Tag ab 65?
Die europäischen Empfehlungen nennen 1,0 bis 1,2 Gramm pro Kilo Körpergewicht und Tag für gesunde Menschen, also etwa 70 bis 85 Gramm bei 70 Kilo. Bei Krankheit oder Genesung steigt der Wert; bei Nierenerkrankung gehört er ärztlich besprochen.
Kann man nach 70 noch Muskeln aufbauen?
Ja. Studien mit über 80-Jährigen zeigen messbare Kraftzuwächse nach wenigen Wochen begleiteten Krafttrainings. Der Volumenzuwachs ist langsamer als bei jüngeren Erwachsenen, der Kraftzuwachs zeigt sich jedoch rasch.
Sind pflanzliche Proteine gleichwertig?
Sie tragen ebenso bei, sofern die Quellen abwechseln — Hülsenfrüchte, Vollkorn, Ölsaaten — und die Mengen ausreichen, denn ihr Gehalt ist bei gleichem Volumen meist tiefer.
Braucht es ein Proteinpulver?
Im Normalfall nein. Es leistet gute Dienste bei geringem Appetit oder wenn die Zufuhr ohne grösseres Mahlzeitvolumen steigen soll. Wer seinen Richtwert mit gängigen Lebensmitteln erreicht, hat davon keinen Zusatznutzen.
Quellen
- Cruz-Jentoft AJ, Bahat G, Bauer J, et al. Sarcopenia: revised European consensus on definition and diagnosis. Age and Ageing. 2019;48(1):16–31. doi:10.1093/ageing/afy169
- Bauer J, Biolo G, Cederholm T, et al. Evidence-based recommendations for optimal dietary protein intake in older people: a position paper from the PROT-AGE Study Group. Journal of the American Medical Directors Association. 2013;14(8):542–559. doi:10.1016/j.jamda.2013.05.021
- Deutz NEP, Bauer JM, Barazzoni R, et al. Protein intake and exercise for optimal muscle function with aging: recommendations from the ESPEN Expert Group. Clinical Nutrition. 2014;33(6):929–936. doi:10.1016/j.clnu.2014.04.007
- Morton RW, Murphy KT, McKellar SR, et al. A systematic review, meta-analysis and meta-regression of the effect of protein supplementation on resistance training-induced gains in muscle mass and strength in healthy adults. British Journal of Sports Medicine. 2018;52(6):376–384. doi:10.1136/bjsports-2017-097608
- Fiatarone MA, O'Neill EF, Ryan ND, et al. Exercise training and nutritional supplementation for physical frailty in very elderly people. New England Journal of Medicine. 1994;330(25):1769–1775. doi:10.1056/NEJM199406233302501
- Liu CJ, Latham NK. Progressive resistance strength training for improving physical function in older adults. Cochrane Database of Systematic Reviews. 2009;(3):CD002759. doi:10.1002/14651858.CD002759.pub2
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