Vitamin D ab 65: was die Forschung sagt
Die Redaktion von Martagon9 Min. Lesezeit

Wenige Themen zeigen so gut, wie die Wissenschaft ihre eigenen Begeisterungen korrigiert. Zwischen 2018 und 2022 haben drei grossangelegte Arbeiten die in den 2010er-Jahren aufgebaute Erzählung über Vitamin D weitgehend zerlegt. Dieses Kapitel legt dar, was widerlegt wurde — und was bleibt, was nicht wenig ist.
Die Erzählung der 2010er-Jahre und was sie zerlegt hat
Rund zehn Jahre lang nahm Vitamin D eine Sonderstellung ein. Beobachtungsstudien brachten tiefe Werte mit fast allem in Verbindung: Frakturen, Stürzen, Infektionen, kognitivem Abbau, Sterblichkeit. Der Schluss schien auf der Hand zu liegen — Vitamin D zu geben müsste all das verbessern.
Das verwechselte Zusammenhang mit Ursache. Ein tiefer Wert kann die Folge eines schlechten Gesundheitszustands sein: man geht weniger hinaus, isst schlechter, liegt häufiger. Drei grosse Studien haben die Hypothese seither direkt geprüft.
2018 — die Synthese, die den Schwung bricht
Eine systematische Übersicht in einer grossen endokrinologischen Zeitschrift versammelte die verfügbaren Studien zur Knochen- und Muskelgesundheit. Ihr Schluss ist eindeutig: die Supplementierung verhindert weder Frakturen noch Stürze und hat keine klinisch bedeutsame Wirkung auf die Knochendichte. Die Autoren hielten weitere Studien zu diesen Fragen für entbehrlich.
2020 — die europäische Studie zur Funktion
Eine in der Schweiz und vier weiteren europäischen Ländern durchgeführte Studie begleitete über zweitausend Menschen ab 70, verteilt auf Vitamin D, Omega-3, ein Krafttrainingsprogramm und Kombinationen davon. Keines der drei verbesserte die gewählten Hauptzielgrössen — Blutdruck, Mobilität, Gedächtnis, Infektionshäufigkeit.
2022 — die grosse amerikanische Studie zu Frakturen
Eine Auswertung mit über fünfundzwanzigtausend Erwachsenen mittleren und höheren Alters fand unter Supplementierung keine Abnahme der Frakturen, unabhängig von deren Lokalisation. Die untersuchte Bevölkerung war allerdings schon zu Beginn mehrheitlich gut versorgt — ein wesentlicher Punkt für die Deutung des Ergebnisses.
Was gesichert bleibt
Vitamin D trägt zum Erhalt normaler Knochen, zu einer normalen Muskelfunktion und zur Kalziumaufnahme bei. Diese Formulierungen lässt das schweizerische und europäische Lebensmittelrecht zu, und sie entsprechen einer gut beschriebenen physiologischen Rolle. Widerlegt wurde nicht diese Rolle, sondern die Vorstellung, dass eine Zugabe bei jemandem mit ausreichender Versorgung noch einen Zusatznutzen bringt.
Bleibt die Frage der Versorgung. In der Schweiz erlaubt die Sonneneinstrahlung von Oktober bis März in unseren Breiten praktisch keine Bildung in der Haut, und alte Haut bildet ohnehin weniger. Auf dieser Grundlage halten die Bundesbehörden an einer Zufuhrempfehlung von 800 internationalen Einheiten pro Tag ab 60 Jahren fest.
Für wen sich die Frage wirklich stellt
Die nützliche Lesart lautet nicht «soll man ab 65 welches nehmen», sondern «bin ich in einer Lage, in der ein Mangelrisiko besteht». Einige Umstände kehren wieder:
- wenig oder gar nicht hinausgehen, besonders im Winter;
- draussen vollständig bedeckt sein;
- eine stark pigmentierte Haut in unseren Breiten haben;
- wenig essen oder fetten Fisch, Eier und Milchprodukte meiden;
- eine Darmerkrankung haben, welche die Fettaufnahme einschränkt;
- bereits eine Fraktur nach einem leichten Sturz erlitten haben.
Einige Vorsichtspunkte
Vitamin D ist fettlöslich: es wird gespeichert. Anders als bei einem wasserlöslichen Vitamin wird ein anhaltender Überschuss nicht einfach ausgeschieden. Sehr hohe, in Selbstmedikation eingenommene Dosen bringen keinen belegten Nutzen und bergen das Risiko eines überhöhten Kalziumspiegels im Blut.
Zudem tritt Vitamin D mit mehreren gängigen Behandlungen in Wechselwirkung, namentlich mit bestimmten Diuretika und Herzmedikamenten. Das ist ein weiterer Grund, die Frage in der Apotheke zu klären, statt allein vor dem Regal zu entscheiden.
Häufige Fragen
Soll man in der Schweiz im Winter Vitamin D nehmen?
Die Bundesbehörden empfehlen ab 60 Jahren eine Zufuhr von 800 internationalen Einheiten pro Tag, weil die Bildung in der Haut von Oktober bis März in unseren Breiten sehr gering ist. Diese Empfehlung will einen Bedarf decken, keine Krankheit behandeln. Der persönliche Entscheid fällt mit einer Fachperson.
Verhindert Vitamin D Stürze und Frakturen?
Die seit 2018 veröffentlichten grossen Studien zeigen das bei bereits ausreichend versorgten Menschen nicht. Eine systematische Übersicht von 2018 und eine grosse Studie von 2022 kommen beide zum Schluss, dass Frakturen nicht abnehmen. Die Sturzprävention stützt sich heute auf Bewegung, nicht auf Supplementierung.
Welchen Blutwert soll man anstreben?
Die Grenzwerte unterscheiden sich je nach Institution und werden diskutiert. Genau deshalb wird die Messung bei Menschen ohne Risikofaktor nicht als Reihenuntersuchung empfohlen: die Deutung der Zahl ist weniger einfach, als es scheint, und Sache der Ärztin oder des Arztes.
Reicht die Ernährung allein für genug Vitamin D?
In unseren Breiten ist das schwierig. Die Nahrungsquellen sind wenige — fetter Fisch, Eigelb, angereicherte Produkte — und die gelieferten Mengen bleiben gemessen an den Richtwerten bescheiden.
Quellen
- Bolland MJ, Grey A, Avenell A. Effects of vitamin D supplementation on musculoskeletal health: a systematic review, meta-analysis, and trial sequential analysis. The Lancet Diabetes & Endocrinology. 2018;6(11):847–858. doi:10.1016/S2213-8587(18)30265-1
- Bischoff-Ferrari HA, Vellas B, Rizzoli R, et al. Effect of Vitamin D Supplementation, Omega-3 Fatty Acid Supplementation, or a Strength-Training Exercise Program on Clinical Outcomes in Older Adults: The DO-HEALTH Randomized Clinical Trial. JAMA. 2020;324(18):1855–1868. doi:10.1001/jama.2020.16909
- LeBoff MS, Chou SH, Ratliff KA, et al. Supplemental Vitamin D and Incident Fractures in Midlife and Older Adults. New England Journal of Medicine. 2022;387(4):299–309. doi:10.1056/NEJMoa2202106
- Volkert D, Beck AM, Cederholm T, et al. ESPEN practical guideline: Clinical nutrition and hydration in geriatrics. Clinical Nutrition. 2022;41(4):958–989. doi:10.1016/j.clnu.2022.01.024
- Office federal de la securite alimentaire et des affaires veterinaires (OSAV) / Commission federale de la nutrition. Recommandations suisses concernant l'apport en vitamine D. www.blv.admin.ch
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